Interview mit Lioba Heinzler zur Blogparade „Was sind Stärken?“

Svenja Hofert hat in ihrem Karriereblog die Blogparade „Was sind meine Stärken?“ ausgelobt. Diese läuft noch bis 15. April und so habe ich mit meinem Social-Media-Manager Christoph Ziegler ein Interview geführt.

Feedback, innere Struktur und die Stärke des Wollens

Wie haben Sie Ihre Stärken entdeckt?

Im ersten Moment durch die Reaktion der anderen. Ich erlebe es auch mit meinen Coachees, dass es anderen Menschen ähnlich ergeht wie mir: Ich kenne mich, so wie ich bin, seit vielen, vielen Jahren. Erst durch Rückmeldungen merke ich, dass bei mir etwas anders, nicht gewöhnlich, also außergewöhnlich ist.

Wie finden Sie Stärken bei anderen heraus?

Für mich gibt es verschiedene Stufen. Als erstes ist es das, was ich direkt sehe und wahrnehme. Die nächste Stufe sind die Stärken, die ich erlebe, wenn ich jemanden besser kenne. Und die dritte Stufe sind dann die Kombination von Eigenschaften, die eine individuelle Mischung der Stärken ausmacht.

Wie entwickeln Sie Ihre Stärken (oder die von anderen)?

Für mich gibt es zwei Möglichkeiten. Die naheliegende ist die, das zu verstärken, was andere an mir anerkennen und betonen. Die ist für mich die Art, wie es Kinder machen, die gefallen wollen. Also eine Reaktion auf das Umfeld. Die andere Variante ist, sich zu überlegen, was zu den eigenen Vorstellungen, Einstellungen und Werten passt und sich selbst zu entscheiden, welche Eigenschaften ich weiterentwickeln will. Und dann gibt es, wie so oft, viele Grautöne dazwischen.

Was waren wichtige Erkenntnisse beim Stärken-Finden?

Zum einen, was vor 30 Jahren mein erster Chef immer wieder betonte: „Jede Stärke ist eine Schwäche und jede Schwäche eine Stärke.“ Das hat meine jugendliche „entweder-oder“-Welt sehr relativiert 😉 Die zweite Erkenntnis war vor ein paar Jahren, dass ich für mein persönliches Profil, also das Herausstellen meiner Stärken und Schwächen, immer den Blick von außen brauche. Profilentwicklung ist ein dynamischer Prozess zwischen Selbstbild und Fremdbild.

Welche Stärken braucht man in Zukunft?

flickr_nadja-varga_struktur

Wenn ich die Entwicklung der letzten Jahre sehe, wird für mich immer bedeutender, dass Menschen eine Struktur in sich selbst entwickeln. In unserer heutigen Welt ist immer mehr möglich und die äußeren Vorgaben werden immer weniger. Wer dabei nicht weiß, was er oder sie will und wie man sich dabei organisiert, wird ein Spielball und permanent überfordert sein.

Welche Bedeutung haben Stärken im Arbeitsleben?

Ich finde wichtig, dass Menschen sich ihrer Stärken bewusst sind und diese wertschätzend weiterentwickeln. Und ich finde wichtig, dass Menschen um ihre Schwächen wissen. Nicht, um daran in erster Linie und mit aller Kraft zu arbeiten und Mittelmaß zu werden, sondern um sich bewusst zu sein, dass es für ein gutes Arbeitsergebnis noch eine vielleicht gegenteilige Stärke braucht, also eine konstruktive Teamarbeit. Wenn ich mir meiner eigenen Stärke bewusst bin, muss ich mich weniger mit anderen vergleichen und je nach Persönlichkeit mich auf- bzw. abwerten oder umgekehrt. Es fällt mir leichter, die Unterschiedlichkeit einfach stehen zu lassen und die Buntheit im Arbeitsteam wertzuschätzen.

Welche Stärken werden gern unterschätzt?

Das ist für mich ganz klar die Stärke des Wollens. Es wird gerade bei der Einstellung in den Firmen viel zu sehr darauf geachtet, was jemand kann. Also welchen Abschluss er oder sie hat. Das ist ein wichtiger Teil, aber nicht alles. Ebenso entscheidend ist, was jemand will. Denn jeder, den ein Thema sehr interessiert, arbeitete sich über Wochen, Monate und Jahre, oft nebenbei, so ein, dass er oder sie als ExpertIn gelten. Für mich wird in vielen klassischen Organisationen die Möglichkeit der Weiterentwicklung von Menschen zu wenig beachtet.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

(Bildquelle: „struktur“ by Nadja Varga via flickr (CC BY-SA 2.0) no changes – keine Änderungen)