Artikel in der Blogreihe «Führen und Leiten»

Ich habe schon mit unzählig vielen Leitungs- und Führungskräften und ihren Teams gearbeitet. Alle sind natürlich unterschiedlich und individuell. Trotzdem fallen mir immer wieder Gemeinsamkeiten auf. Heute verrate ich Ihnen eines der größten Missverständnisse von ChefInnen, über das ich mich ehrlich gesagt immer wieder aufregen kann.

Es ärgert mich, wenn Menschen eine Aufgabe mit Verantwortung übernehmen, also eine Aufgabe für gestandene erwachsene Menschen und dann im Kindschema „Habt mich alle lieb“ und „Ich will niemandem wehtun“ hängenbleiben. Das hat nämlich gewaltige Konsequenzen. Liebe Leitungsperson, schauen Sie, was Sie damit anrichten …

„Ich will für alle nur das Beste!“ – Vergiss es: Das klappt nicht!

Leitung zu haben heißt in erster Linie, zwischen den unterschiedlichen Interessenlagen Prioritäten zu setzen. Die Wahrscheinlichkeit ist dabei immer, dass jemand enttäuscht wird. Ja, das ist so. Wenn Sie von Ihrer Persönlichkeit eher der Ausgleichstyp sind, der die Harmonie liebt, dann heißt es, zu lernen mit diesen Spannungen umzugehen.

Als Führungskraft müssen Sie akzeptieren lernen, dass Konflikte ein Teil Ihrer Arbeit sind. Und zwar mit allem, was dazugehört – zum Beispiel laute Worte, trotziges Schweigen oder neue Koalitionen. Das Akzeptieren macht diese Reaktionen zwar nicht angenehmer, doch verlieren sie an Macht über Sie. Sicherlich ist es nicht angenehm, dieses blöde Gefühl auszuhalten, doch je klarer Sie Ihre Führungsrolle ausfüllen, desto sicherer werden Sie innerlich.

Bei Menschen, die Verantwortung tragen, gibt es immer wieder Situationen, in denen sie sich zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen. Entscheiden Sie! Ein Nichtentscheiden oder Es-allen- recht-machen-zu-wollen, macht alles schlimmer.

Ob Ihr Team konstruktiv arbeitet, liegt an Ihnen. An wem sonst?

Ja, Ihr Team hat eigene Dynamik und es liegt an Ihnen als Chefin, diese zu steuern. Das ist eigentlich auch gar nicht so schwierig, denn Teammitglieder orientierten sich an Ihnen als Führungskraft. Ihre Leute wollen es Ihnen in der Leitung recht machen, denn auch Ihr Team möchte so stressarm wie möglich arbeiten.

Die Qualität von Arbeit

Immer wieder erlebe ich, dass Führungskräfte nicht deutlich machen, wie sie sich die Arbeitsergebnisse vorstellen. Also was ist für Sie als Leitung eine gute Arbeit? Definieren Sie klar, was für Sie Qualität von Arbeit ausmacht. Kommunizieren Sie das immer wieder! Inklusive: was passiert, wenn jemand es anders macht. Hier brauchen Sie Konsequenzen.

Wenn Menschen zusammenarbeiten, geht es um Macht und Einfluss von Ihnen und Teammitgliedern. Wenn Sie keine Macht haben und gestalten wollen, dann geben Sie bitte Ihre Leistungsposition auf, zum Wohle aller. Leitung setzt einen klaren Rahmen, in dem gespielt werden darf. Ihr Team ist kein fremdes Wesen, sondern ein Spiegel Ihrer Stärken und Schwächen.

"Respekt" by Stephanie Kroos via flickr, CC BY-SA 2.0 | no changes - keine Änderungen

„Respekt“ by Stephanie Kroos via flickr, CC BY-SA 2.0 | no changes – keine Änderungen

Es geht um Respekt – nicht um Liebe. Das ist die Baustelle am Feierabend.

Ich sage es sehr deutlich: Die große Versuchung von Führungskräften, von allen geliebt zu werden, bringt viel Unheil, weil damit nichts klar ist. Geliebt werden zu wollen, macht Sie als Führungskraft verführbar, und somit verschieben sich ständig die Prioritäten und Rahmenbedingungen. Das ist ein sicherer Weg, sich als Leitung zu schwächen und sich schlimmstenfalls lächerlich zu machen.
Damit verlieren Sie den Respekt Ihrer Mannschaft und setzen jede Menge Dynamik und Energie in Ihrem Team frei, die das Leiten so richtig anstrengend machen.

Bei der Arbeit und den Ergebnissen Ihres Teams geht es immer um eine Leistung, um Tun und Bewertungen. Dafür haben Sie als Leitung und Ihre Mitarbeitende im Team Respekt verdient, was nicht gleichbedeutend mit Harmonie oder Liebe ist.
Im Gegensatz dazu stehen Ihre privaten Beziehungen. Diese haben eine komplett andere Qualität. Hier steht im Vordergrund das füreinander Dasein – ohne Bewertung. Es geht um Annahme, um Liebe. Kein Wunder, dass in sozialen Arbeitsbereichen, wo der Arbeitsauftrag auf „Sorge um und Dasein für andere“ fokussiert, die Gefahr besonders groß ist, die Grenze zwischen Arbeitsbeziehungen und Arbeitsinhalten zu verwischen.

Sie sind die Führungskraft. Führen Sie! Das erwarten Ihre Mitarbeiter.

Herzliche Grüße aus dem Technologiezentrum W-tec in Wuppertal
Ihre Lioba Heinzler
• Supervisorin DGSv
• Coach für Veränderungsprozesse

P.S. Um Missverständnissen vorzubeugen: In einem der nächsten Artikel werde ich mir die Kumpelvariante von Männern genauer ansehen.

(Bildquelle: „Respekt“ by Stephanie Kroos via flickr, CC BY-SA 2.0 | no changes – keine Änderungen)