Schau über den Tellerrand und gestalte, statt nur zu reagieren!

Ich liebe es, mit Führungskräften zu arbeiten. Und ich weiß, wie anspruchsvoll es ist, die Verantwortung für die Firma und ihr Team zu tragen. Doch eine Sache regt mich – ehrlich gesagt – manchmal auf: Erschreckend oft trauen sich Führungskräfte nicht, ihre Persönlichkeit einzubringen und konstruktiv nach vorne zu denken. Zumindest nicht genug.

Sie versuchen, objektiv und neutral zu sein. Sie bleiben im Hier und Jetzt verhaftet. Somit übernehmen sie nicht wirklich Führung. Und das liegt an drei Denkfehlern.

Denkfehler Nr. 1: Das Alltagsgeschäft und der Kundenauftrag sind das Wichtigste.

Ich erlebe immer wieder, dass der Arbeitsalltag alles monopolisiert. Das Tagesgeschäft, irgendwelche Meetings, das wird als dringend eingestuft. Die wichtigen Aufgaben, also das, was das Unternehmen und das Team mittel- und langfristig weiterbringt, wird nicht beachtet – oder immer wieder verschoben. Keine Zeit!

Was daran stimmt: Ja, das Alltagsgeschäft sichert die Basis, daher kommen die Brötchen. Ein reibungsloser Ablauf mit einheitlichen Standards hilft, damit nicht über alles ständig neu diskutiert werden muss, damit der Einzelne sich auf etwas verlassen kann. Jeder weiß, was zu tun ist und wie was läuft.

Aber: Manches wird schon lange so getan, ohne dass es noch sinnvoll ist. Das Rad läuft. Doch wozu? Warum so? Wer sich nicht regelmäßig Zeiten reserviert für das Nach- und Querdenken, wer nicht hinterfragt, was er tut  – verpasst den Zug. Mal abgesehen davon, dass unser Kopf träger wird und das Lösungsdenken einrostet.

Pictures from beyond tellerrand 2013

Über den Tellerrand: Alle Abläufe und Regeln brauchen in bestimmten Abständen einen Check, ob sie noch sinnvoll sind. Management heißt nicht nur „verwalten, was da ist“ und nicht nur „bestimmte Zahlen erreichen“, sondern es bedeutet, sich systematisch Zeit für Reflexion zu nehmen: Manöverkritik  – Wie ist es gelaufen? Was lässt sich verbessern? – Konzeptionelle und strategische Maßnahmen: Wie halten und steigern wir die Qualität unserer Arbeit? Wie reagieren wir angemessen auf die neuen Herausforderungen? So entsteht Verbesserung!

Denkfehler Nr. 2: Nimm Dich nicht so wichtig und erfüll die Maßstäbe der anderen.

Die Generation der heutigen Führungskräfte, also 40plus hat das noch intensiv gelernt. Damals in den Familien, in vielen Schulen und in Betrieben, war das Funktionieren des Einzelnen ein hohes Gut nach dem Motto „Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?“ Natürlich gibt es das in vielen Unternehmen noch immer.

Was daran stimmt: Ja, niemand ist der Nabel der Welt. So bleibt man in Bodenhaftung und vor allem offen für andere Sicht- und Herangehensweisen. Und natürlich: In einer Mannschaft muss der Einzelne an seinem Platz seine Aufgaben erfüllen, damit das Spiel gewonnen werden kann. So ist es auch bei der Arbeit: Wir werden fürs Funktionieren bezahlt.

Aber: Wenn das alles wäre, könnten Roboter unsere Arbeit übernehmen. Man hat Ihnen diese Aufgabe übertragen, damit Sie neben Ihrer fachlichen Kompetenz noch mehr einbringen. Es geht auch um Ihre Erfahrungen, Werte, Empathie und Gefühle. Zum einen, damit Sie Ihr Team vertrauensvoll führen. Zum anderen, um Herausforderungen zu erkennen, um innovativ und kreativ Lösungen zu entwickeln.

Über den Tellerrand: Die Leistung jedes Teams ist am Ende von einer vertrauensvollen Beziehung abhängig. Verantwortung dafür trägt in erster Linie die Führungskraft. Es nützt die größte Fachkompetenz nichts, wenn kein Vertrauensverhältnis besteht. Doch diese entscheidenden Qualitäten wurden uns nicht in die Wiege gelegt. Stabile, wertschätzende Beziehungen zu entwickeln und profiliert Position zu beziehen, ist wie fast alles im Leben eine Übungssache. Zuerst ist eine klare Entscheidung notwendig, dass Sie sich als Persönlichkeit weiterentwickeln wollen. Und dann ein Plan, wie Sie das Thema nachhaltig verfolgen.

Denkfehler Nr. 3: Wer Visionen hat, ist ein Fall für den Doktor.

Der Volksmund kennt viele Sprüche, die uns klein und unbedeutend halten (sollen). Diese Sprüche wirken und manch einer traut der eigenen inneren Größe nicht. Sicherlich ist nicht jeder von uns geboren, so eindrückliche Spuren wie Gandhi oder Mutter Teresa zu hinterlassen. Doch wozu wir Ja gesagt haben, tragen wir Verantwortung, diese Aufgabe mit unserer Persönlichkeit zu gestalten. Auch im Business!

Was daran stimmt: Schon manch einer hatte große Ideen und Träume und ist damit gescheitert. Und sind die Ideen zu groß, dann überfordert sich der Einzelne, wenn er sich keine Verstärkung holt.

Aber: Leben und Entwicklung heißt stolpern, fallen und wieder aufstehen. Wer sich keine oder nur sehr niedrige Ziele setzt, wächst nicht – und wird auch nie das erreichen, was möglich wäre. The sky is the limit.

Über den Tellerrand: Als Führungskraft gibt es eine wichtige Doppelaufgabe: Einerseits ist es Ihre Aufgabe, sich mutig nach vorne zu wagen – und das bringt immer auch ein Risiko mit sich. Andererseits haben Sie Vorbildcharakter: Nur wenn Sie in Ihrem Team zeigen, dass Sie Visionen haben, dass es nicht nur okay, sondern ausdrücklich erwünscht ist, mit- und nach vorne zu denken, dann passiert Unglaubliches. Denn dann etablieren Sie eine Kultur, die automatisch nach Verbesserungen und Möglichkeiten greift. Wer visionär denkt, sichert – besonders in hart umkämpften Märkten – die Zukunft.

Darum: Wenn Sie Verantwortung tragen, entscheiden Sie sich für Entwicklung!

Beste Grüße aus dem Technologiezentrum W-tec in Wuppertal
Ihre Lioba Heinzler
· Supervisorin DGSv
· Coach für Veränderungsprozesse

(Bildquelle: «261622_10201318641035140_806439455_n_2013-05-28_18h59m46s» by Jan Beck via flickr (CC BY 2.0) – keine Bildbearbeitung | no changes made.)