In meinem Blogartikel geht es um die Besonderheiten, um Licht und Schatten, um die Vorteile und Nachteile im Lebensgefüge von Menschen in Unternehmerfamilien und Familienunternehmen. Es geht nicht um rechtliche Formen oder wissenschaftliche Definitionen. Im engeren Sinne spricht die Fachwelt erst von einem Familienunternehmen, wenn die Weitergabe an die nächste Generation eine Rolle spielt. Start-Ups oder eigentümergeführte Unternehmen sind in diesem Sinn keine Familienunternehmen. Doch ich erlebe, dass viele meiner beschriebenen Aspekte auch in diesen Unternehmensformen Bedeutung haben.

Es sind nicht wenige Menschen, die mit dem System Familienunternehmen Berührung haben. 91% der in Deutschland geführten Betriebe und Unternehmen werden als Familienunternehmen geführt. Ich spreche hier in diesem Artikel von den kleinen und mittleren Unternehmen bis 300 Mitarbeitern.

Ein Blick in die Geschichte

Noch vor 200 Jahren war die Verbindung von Arbeit und Familie der Regelfall. Ob Landwirtschaft, Handwerker oder Händler: die Tätigkeit, die die Lebensgrundlage sicherte gehörte zum Leben der Familie. Unsere heutige Trennung gab es weder in den Köpfen der Menschen, noch räumlich. Leben und Arbeit gingen Hand in Hand, meist im selben Gebäude.

Mit der Industrialisierung und einer arbeitsteiligen Gesellschaft hat sich dies in den letzten 150 Jahren grundlegend geändert. Nur in wenigen Arbeitsbereichen, wie der Landwirtschaft, ist die enge Verbindung geblieben. Ich betone dies, weil unsere Vorstellung der Trennung der beiden Bereiche in der Menschheitsgeschichte erst relativ neu ist. Ich selbst habe in meinen Kindertagen diese fließende Verbindung bei meiner Großmutter erlebt. Sie hat als Tochter Anfang der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts den damals großen Hof übernommen und damit als Bäuerin alleinerziehend ihre vier Kinder ernährt.

Für meine Großmutter war es auf ihrem Bauernhof normal, was heute als eine außergewöhnliche Verbindung von personenzentrierten und aufgabenorientierten Sozialsystemen bei einem Familienunternehmen definiert wird. Familie, Unternehmen, Eigentum bilden das sogenannte „Drei-Kreis-Modell“: Drei Sozialsysteme mit sehr unterschiedlichen „Logiken“. Und schon damals war diese Konstellation Anlass für Konflikte und Verletzungen …

Unternehmerfamilie haben immer ein Kuckuckskind

Je nach Ausprägung und Konstellation ist das Unternehmen ein Kuckuckskind in der Familie, das schreit: Der erste Wurm geht an mich! Oder wie ein Parasit, der auf Kosten der Familie lebt. Oder wie ein Monster, das sich immer wieder breit macht und Angst und Schrecken verbreitet. Oder wenn’s ganz gut geht, ein Haustier in der Familie. Wie auch immer: auf jeden Fall immer da!

Das ist einer der große Unterschied zu den Familien, in denen Menschen in angestellten Arbeitsverhältnissen für den Unterhalt der Familie sorgen. Ich kenne dies aus meinen Kinder- und Jugendtagen. Mein Vater hatte als Beamter eine geregelte Arbeitszeit. Am Feierabend kümmerte er sich mit meiner Mutter um die kleine Landwirtschaft und beide waren immer ehrenamtlich engagiert. Das alles waren ihre Themen des Alltags und damit auch meine. Es gab immer Grenzen: zwischen den Tätigkeiten, den Orten, den beteiligten Menschen. Und mit unkündbarer Stelle waren dies gleichberechtigte Lebenswelten nebeneinander.

Familienunternehmen Vor- und Nachteile

Grenze zwischen Arbeit und Beruf: alles ist Arbeit, alles ist privat

Wenn ich das heute mit meiner Selbständigkeit vergleiche, ist das anders. Ganz häufig, trotz bester Vorsätze, hat das eigene Business eine Vorrangstellung. Und da mich mein Mann bei den technischen Fragen in der Onlinewelt unterstützt, kreisen die Themen auch in der privaten Zeit schnell um meine Selbständigkeit.

Ich weiß durch meine Arbeit, dass es vielen Paaren, die gemeinsam die Geschäftsführung wahrnehmen, schwer fällt diese Grenze zwischen Arbeit und Privatem zu wahren. Doch diese Abgrenzung ist für uns Menschen wichtig. Denn Leben braucht beide Seiten: Spannung und Entspannung. Bereiche des Tuns, der Leistung und der Ergebnisse und Bereiche des Seins, der Muse, des zweckfreien Spiels. Nur die Kombination aus beiden macht uns zu Menschen.

Mein Leben verkümmert, wenn ich nur noch Arbeitsbeziehungen habe. Bei denen geht es um Arbeit, Ergebnisse, Leistung und Ertrag. Es ist von zentraler Bedeutung, dass ich Beziehungen pflege, bei denen ich als Mensch geschätzt werde. Weil ich dazugehöre. Weil ich eine oder einer unter vielen bin. Also intensive partnerschaftliche, familiäre und freundschaftliche Beziehungen. Die Frage, die letztlich dahintersteht, ist: wer bin ich ohne diese Firma? Bin ich liebenswert auch ohne Position und Geld?

Familienunternehmen – Leben zwischen zwei Polen und Widersprüchen

Bei uns allen schlagen mehrere Herzen in einer Brust. Wir wünschen uns Gemeinschaft, aber doch bitte nicht so viel. Ja, ich schätze die Nähe zu anderen Menschen. Doch bitte nicht gerade jetzt. Solange ich mich in verschiedenen Lebensbereichen bewege, kann ich meine Bedürfnisse auch unterschiedlich ausgestalten.

Wenn sich jedoch das Leben in diesem einen Kosmos zwischen Firma und Familie bewegt, dann bündeln sich die Herausforderungen des Lebens wie in einem Brennglas auf diese eine Lebenswelt.

Das heißt, dass sich die Widersprüche des Lebens besonders verschärfen. Die Beteiligten sind gefordert zwischen

  • Bindung und Entscheidung,
  • Nähe und Distanz,
  • Loyalität und Eigenständigkeit,
  • Autonomie und Interdependenz,
  • Gemeinschaft und Individuum,
  • Pflicht und Erfüllung
  • sorgender Anteilnahme und übergriffiger Zumutung
  • persönlich und privat
  • Außendarstellung und Innensicht

Die Frage nach der eigenen Identität

Für Menschen, die zu einer Unternehmerfamilie gehören, stellt sich immer die Frage nach der eigene und der Identität der Familie. Wer bin ich eigentlich? Wer bin ich in der Kernfamilie? Wer bin ich in der Unternehmerfamilie? Bin ich hier geschätzt, weil ich tüchtig bin oder bin ich als Mensch geschätzt, einfach weil ich ICH bin. Es macht sich immer wieder ein Gefühl der Unsicherheit breit: Gehöre ich dazu oder gehöre nicht dazu?

Familienunternehmen Vor- und Nachteile

Das sind Fragen, die alle anderen Menschen auch haben. Jedoch in unterschiedlichen Bezügen: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich am Arbeitsplatz nicht richtig ins Team passe, dann ist das blöd. Doch wenn ich mich zu Hause aufgehoben fühle und bei meinem ehrenamtlichen Engagement im Sportverein prima Kumpels habe, dann ist die Stimmung in meinem Team bei der Arbeit weniger existenziell.

Wenn sich viele Bereiche des Lebens im Radius Familienunternehmen bündeln, dann fokussieren sich eben auch viele Themen in diesem Bereich. Es gibt Formen der Abhängigkeit, die uns als Menschen das Gefühl geben, gefangen und ausgeliefert zu sein. Dieses Gefühl der Ohnmacht tut uns nicht gut.

Familienunternehmen – Widerspruch zwischen Unternehmensdenken und Familiengefüge

Ein Unternehmen tickt anders als eine Familie. Das ist eine Binsenweisheit: Ein Unternehmen ist keine Familie. Ganz einfach. Und ganz schön kompliziert, wenn die beiden, Familie und Unternehmen, zusammen beim Essen sitzen. Lassen Sie es uns genauer ansehen:

  • Die Kommunikation in einer Familie dient der Bindung untereinander und der Logik der Inklusion. Anders in einem Unternehmen. Da dient die Kommunikation in erster Linie der Entscheidung und der Logik der Selektivität.
  • Wichtig ist in einer Familie ist die einzelne Person, die nicht austauschbar ist. Ganz anders in einer Firma. Da stehen an erster Stelle die Funktion und Kompetenz. Auf diese kann für den Unternehmenserfolg nicht verzichtet werden. Die Person ist prinzipiell austauschbar.
  • Die Ausgleichswährung in einer Familie ist Anerkennung, Wertschätzung und Dank und das über lange Zeit. Der Ausgleich findet in einer Firma über das Gehalt statt, und zwar kurzfristig jeden Monat. Die Wertschätzung am Arbeitsplatz ist wichtig, jedoch nicht einklagbar.
  • Es gibt verschiedene Formen von Gerechtigkeit. In einer Familie ist das Gerechtigkeitskriterium die Gleichheit: Alle bekommen das gleiche. Oder jeder das, was er oder sie benötigt. In einem Unternehmen gibt es die Logik der Ungleichheit. Position und Gehalt werden nach Leistung vergeben und bezahlt. Die Fähigkeiten und der Einsatz sind unterschiedlich.

Soweit so gut. Jedoch ist es im Alltag von Familien mit einem Unternehmen notwendig, mit diesen unterschiedlichen Logiken umzugehen.

Unternehmerfamilien – Mit Paradoxien leben und flexibel jonglieren lernen

Die Paradoxie für die Unternehmerfamilie liegt darin, dass Familie und Unternehmen zwei Kontexte sind, in denen es Verhaltenserwartungen gibt, die sich jeweils ausschließen: „Folge der Logik der Familie und der des Unternehmens gleichzeitig!“

Wie gerade schon beschrieben unterliegt die Familie der Bindungslogik : „Denke im Sinn der Familie, orientiere dich an der Person!“ Das heißt: Zugehörigkeit ist wichtig, die Aufrechterhaltung und Bestärkung der persönlichen Beziehung unter den Mitgliedern soll erhalten bleiben.

Und das Unternehmen verlangt die Entscheidungslogik: „Denke im Sinn des Unternehmens, orientiere dich an der Notwendigkeit deiner Aufgabe, der Funktion!“ Das heißt: Es geht vorrangig um die Sache; Selektivität ist wichtig: es muss jeweils der/die Beste ausgewählt werden, um zum Beispiel Entscheidungsfähigkeit zu gewährleisten.

Und in vielen Situationen gilt beides gleichzeitig! Es ist also wichtig, mit diesen unterschiedlichen, sich oftmals widersprechenden Anforderungen flexibel jonglieren zu können. Wenn das mit wertschätzendem Humor gelingt, umso besser. Humor beugt der Verbissenheit und der Rechthaberei vor. Oder salopp formuliert: Du musst Dich im Leben entscheiden: willst Du Spaß haben oder Recht. Beides zusammen geht nicht.

Unternehmerfamilie – Von der Freiheit und den versteckten Botschaften

Die Unternehmerfamilie ist nie unter sich. Es sitzt immer das Unternehmen mit am Familientisch. In anderen Familien ist es selbstverständlich, dass das Zuhause, die Familie ein Ort der Entspannung ist. Dass die Anforderungen der Arbeit und der Welt keinen direkten Zugriff haben, das ist in Unternehmerfamilien anders. Schnell kann es zu Verwicklungen kommen zwischen Firma und Familie. Jede Menge paradoxer Erwartungen und doppelbödiger Botschaften sind von klein auf präsent: „Natürlich sollst Du Deinen eigenen beruflichen Weg gehen. In unserer Firma.“

Dass es in diese Gemengelage viele kleine und größere Verletzungen gibt, ist nahe liegend. Eine innere Kontenführung ist in allen Familien und Beziehungen selbstverständlich. Doch sie läuft in den Familien mit einem Unternehmen anders und ist existenzieller. Die entscheidenden Fragen sind, was hat welchen Wert? Was buche ich unter Soll und was auf Haben? Welche Posten sind offen? Also welche (unausgesprochenen, selbstverständlichen) Erwartungen wurden nicht erfüllt.

In der Familie kennt man sich durch und durch. Das ist schön und immer auch bedrohlich. Die entscheidende Frage ist, auch wie in jeder Familie, was verhandelbar ist und worüber besser nicht gesprochen wird. Gibt es zu viele Tabus bei den zentralen Themen, wird das Leben miteinander in der Familie zum Spießrutenlauf oder zur Maskerade.

Familienunternehmen – Zum Unternehmer wird man geboren

Lange Zeit herrschte die Vorstellung vor, dass man zum Unternehmer geboren sein muss. Heute geht es mehr um „Kopf statt Kapital“. Wir wissen, dass Unternehmerkompetenz erlernbar ist. Es gibt inzwischen an den Universitäten Lehrstühle zum Thema Entrepreneur. Das klassische BWL Studium deckt nur einen Teil ab, den Unternehmer für ihre vielfältige und anspruchsvolle Aufgaben brauchen.

Schon im Mittelalter entwickelten die Zünfte Kriterien, um als Geselle mit Fachkompetenz und Erfahrung die Meisterprüfung abzulegen. Nur dann konnte der Handwerker sich mit seinem eigenen Betrieb niederlassen. Denn zwischen einem guten Fachmann oder Fachfrau und der erfolgreichen Leitung eines Betriebs liegen die unternehmerischen Kompetenzen.

Es sind also nicht die angeborenen Gene, die den Unterschied machen. Jedoch erlebt ein Kind vieles, was die Eltern beschäftigt. Auch die alltägliche Arbeit von Mutter und Vater sind Themen bei Gesprächen am Abendbrottisch. So sind die Herausforderungen der Leitung eines eigenen Betriebs von Kindesbeinen an präsent.

Ein Kind fühlt sich zu „seinem Stamm“ zugehörig und solidarisiert sich mit der Sichtweise von Mutter und Vater auf die Welt. (Erst später, in der Pubertät ist es wichtig, dass der Heranwachsende seinen eigenen Blick auf die Dinge findet.) Das ist ein Teil der Bindung und Grundlage einer hohen Loyalität. Gegen diese tiefe Verbindung ist nicht so leicht ein Kraut gewachsen. Diese Bindung prägt uns für unser Leben und ist Teil unserer Persönlichkeit. Es ist also nicht Blut dicker als Wasser, wenn es um Familienbande geht. Sondern dicker ist die Verbindung durch die Bindung und Prägung der ersten Lebensjahre.

Familienunternehmen – Auswirkung auf die Mitarbeiter des Unternehmens

In einem Familienunternehmen ist die Unternehmenskultur stark durch die Eigentümerfamilie geprägt. Das hat Auswirkungen auf die Mitarbeiter des Unternehmens. Bei meinen Kunden in den Familienunternehmen erlebe ich immer wieder, dass die Identifikation mit dem Chef und der Chefin immer auch heißt, dass sie Rolemodel für die verschiedenen Lebensthemen sind. Ihre Art mit ihren Kindern umzugehen wird beobachtet. Ihr Umgang mit den älter werdenden Eltern ist ein Maßstab: manchmal ein erstrebenswerter, manchmal ein abzulehnender.

Gerade wenn mehrere Familienmitglieder in der Firma mitarbeiten, dann ist Rollenklarheit für alle Beteiligten ein wichtiger Punkt. In einer Firma gibt es für den mitarbeitenden Ehepartner eine Hierarchie, in der Partnerschaft in der Familie nicht.

Für die Mitarbeiter ist das im Team mitarbeitende Familienmitglied nie so ganz Kollege oder Kollegin. Sie oder er hat immer einen Sonderstatus in der Belegschaft.

Wenn Familienmitglieder sich in Firmenfragen nicht einig sind, entwickelt sich für Mitarbeiter das Gefühl von ausgeliefert sein. Sie beschreiben mir, dass sie das Gefühl haben sich auf rohen Eiern zu bewegen. Es kostet die Betroffenen viel Energie, sich immer mit beiden zu arrangieren. Und nach beiden Seiten immer wieder ihre Loyalität zu verdeutlichen.

Familienunternehmen – Wo Licht ist, findet sich auch Schatten

Ein kurzes Resümee der Vorteile von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien:

  • Langfristige Perspektive „Es wird in Generationen, nicht in Quartalen gedacht“
  • Starke Unternehmenskultur und Mitarbeiterbindung
  • Hohe Produktqualität, gute Marktkenntnisse, Innovation
  • Flexibilität und Schnelligkeit von Entscheidungen
  • Vertrauen als größtes Kapital

und Nachteile von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien:

  • Familienkonflikte schlagen evtl. ungefiltert aufs Unternehmen durch
  • Strategische Starre
  • Vetternwirtschaft und unzureichende Personalentwicklung
  • Intransparenz und fehlendes Controlling
  • Misstrauen und Kränkung als größte Belastung und Gefahr

Bei meinem nächsten Blogartikel, gehe ich der Frage zu den Besonderheiten der Unternehmensnachfolge bei Familienunternehmen nach.

Einige Ansätze sind aus meiner intensiven Weiterbildung bei Prof. Dr. Arist von Schlippe und Torsten Groth, nach dem Wittener Denkmodell, vom Lehrstuhl Führung & Dynamik von Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke.

Sicherlich unterscheiden sich Unternehmerfamilien von anderen. Und dennoch ist jede auch anders. Wie sind Ihre Erfahrungen? Ich bin gespannt auf Ihren Kommentar.