Das teuerste Missverständnis in der Unternehmensnachfolge


Nachfolge ist kein Thema nur für die Söhne.

Seit rund zehn Jahren treibt mich eine Idee. Im Juni 2026 habe ich sie wieder ans Licht geholt – einen ganzen Monat lang, mit Gästinnen, die zeigen, dass es längst geht. Das hier ist die Zusammenfassung.

Die Idee, die ich seit zehn Jahren sichtbar mache

Es gibt einen Denkfehler, der uns Milliarden kostet. Er lautet: Nachfolge ist Männersache.

Ich sehe diesen Fehler seit Jahren aus nächster Nähe. Seit 2017 führe ich jährlich den ersten bundesweiten Online-Aktionstag „Unternehmensnachfolge durch Frauen" durch – rund um den 21. Juni, den bundesweiten Aktionstag. Aus einem Tag ist längst mehr geworden. Im Juni 2026 war es ein Monat.

Die Idee dahinter ist keine Nische. Sie ist die logische Antwort auf eine Rechnung, die nicht aufgeht:

  • Bis Ende 2029 planen jährlich rund 109.000 Inhaberinnen und Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen den Rückzug – und wollen ihr Unternehmen in die Hände einer Nachfolge legen.
  • Bereits jetzt sind 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter – über zwei Millionen Menschen. Vor 20 Jahren waren es 20 Prozent.
  • Gleichzeitig fehlt der Nachwuchs. 27 Prozent der von den IHKs beratenen Unternehmen erwägen, ihren Betrieb zu schließen – 92 Prozent davon, weil keine Nachfolge gefunden wird.

Wir suchen also händeringend Nachfolge. Und übersehen dabei die Hälfte der Kandidatinnen. Das ist kein Frauenthema. Das ist ein volkswirtschaftliches Problem.

Die Diagnose: Warum Frauen in der Nachfolge fehlen

Erst benennen, was ist. Laut aktuellem Nachfolgemonitor werden nur 21 Prozent der Unternehmen an Frauen übergeben – obwohl Frauen mehr als 40 Prozent derjenigen ausmachen, die ein Unternehmen übernehmen oder gründen wollen. Zwischen Interesse und Übergabe klafft eine Lücke. Und diese Lücke ist selten fachlicher Natur. Sie ist strukturell, kulturell, persönlich.

1. Alte Rollenbilder.
In vielen Unternehmerfamilien wird die Nachfolge – bewusst oder unbewusst – als Männersache gedacht. Söhne werden vorbereitet. Töchter werden gefragt, wie sie das mit der Familie regeln wollen. Der Erwartungsdruck, Firma und Familie gleichzeitig perfekt zu führen, trifft Frauen in genau der Phase, in der eine Übernahme volle Kraft braucht.

2. Fehlende Netzwerke, fehlende Vorbilder.
Die relevanten Netzwerke im Mittelstand sind männlich geprägt. Der Zugang zu informellen Machtstrukturen fehlt. Und es gibt zu wenige sichtbare Nachfolgerinnen. Nach Angaben der DIHK fehlt es Frauen, die meist nach der Kindererziehungszeit Unternehmerinnen werden, oft an Startkapital und branchenrelevanten Netzwerken.

3. Der Blick auf die eigene Kompetenz.
Frauen zweifeln statistisch häufiger an sich – auch wenn sie objektiv alles mitbringen. Dazu kommt: Väter binden ihre Töchter seltener aktiv in die Nachfolge ein als ihre Söhne. Wer nicht vorgesehen ist, wird nicht ausgebildet. Wer nicht ausgebildet wird, traut sich weniger zu. Ein Kreislauf.

4. Struktur und Kapital.
Ohne frühe Einbindung fehlen Ausbildung und Übergabeplan. Und wenn externe Finanzierung nötig wird, ist der Zugang zu Banken und Investorinnen für Frauen oft schlechter – nicht selten wegen Vorurteilen im Finanzsektor.

5. Die Sonderrolle in der Familie.
Tochter, Mutter, Vermittlerin – und dann auch noch Chefin. Diese Rollen sauber zu trennen, ist Arbeit. Besonders, wenn die Übernahme durch die Tochter familiäre Spannungen auslöst, weil sie „nicht vorgesehen" war.

Das ist die Diagnose. Und jetzt kommt der Teil, der Mut macht.

Die zweite Lücke: kein Exit, kein Wert

Es gibt eine zweite Lücke. Und die betrifft nicht die Töchter. Sondern die Frauen, die längst ihr eigenes Business führen.

Sie haben etwas aufgebaut, das läuft. Aber es läuft nur über sie. Jede Entscheidung, jede Kundin, jeder Prozess hängt an einer Person. An ihr.

Ein Business, das ohne Dich zusammenbricht, ist kein Vermögenswert. Es ist ein gut bezahlter Job.

Die wenigsten selbständigen Frauen bauen ihr Unternehmen so, dass es irgendwann verkaufsfähig ist. Der Exit wird nicht mitgedacht. Und wenn der Moment kommt – Gesundheit, Alter, oder einfach genug –, gibt es nichts zu übergeben, nur etwas zu schließen.

Das ist teuer für eine Unternehmerin, die leer ausgeht. Und für alle, die von ihr gelernt haben.

Nachfolgefähigkeit ist keine Frage für später, sondern eine Haltung von Anfang an. Ein Unternehmen, das ohne Dich funktioniert, lässt sich übergeben. Und schenkt Dir Feierabend, bevor Du ihn brauchst.

Der dritte Weg

Ich glaube nicht an das Märchen, dass Erfolg immer Opfer fordert. Und ich glaube nicht, dass Frauen auf ein Erbe warten sollten. Wir warten nicht auf das Erbe. Wir gestalten es.

Nachfolge ist für mich kein Endpunkt, sondern eine Haltung. Ein Unternehmen zu übernehmen heißt: einen Wert übernehmen, der bereits läuft – Kundinnen, Team, Umsatz, Substanz. Kein Start bei null. Ein Vorsprung. Und ein Vermögenswert, der Frauen genauso gut steht wie Männern.

Genau das zeigt die Aktion seit zehn Jahren: Übernahme ist eine reale, attraktive berufliche Option für Frauen. Man muss sie nur einmal laut sagen. Und Frauen zeigen, die es getan haben.

Die Gästinnen im Juni 2026

Der Monat lebt von den Frauen, die ihre Erfahrung teilen: Übergeberinnen, Übernehmerinnen und Expertinnen, die zeigen, wie es konkret geht – Chancen wie Stolpersteine.

Nina Hartmann ist Rechtsanwältin, Personalentwicklerin, Verbandspolitikerin und Unternehmerin.

Über 26 Jahre war sie Teil der Geschäftsleitung ihres Familienunternehmens in der Versicherungsbranche und kennt die Dynamiken von Führung, Nachfolge und unternehmerischer Verantwortung aus eigener Erfahrung.

Heute verbindet sie wirtschaftliches Know-how mit ihrer Forschungsarbeit zur weiblichen Wirkkraft. Inspiriert durch ihre Arbeit mit Pferden als Resonanzpartner untersucht sie, wie Frauen ihre innere Autorität, Präsenz und Gestaltungskraft entfalten können – jenseits tradierter Rollenbilder. Sie hat sich auf Frauen aus Familienunternehmen spezialisiert.

Als Autorin, Podcasterin und Veranstalterin des Kongresses Frauenleuchten schafft sie Räume für neue Perspektiven auf Führung, Unternehmertum und weibliche Selbstermächtigung. Mit der gerade entstehenden Business-Plattform Leuchtraum vernetzt sie Frauen, die Wirtschaft und Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen.

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Verena Finkenberger – Rechtsanwältin für Erbrecht, Autorin und Gründerin von Erbschaft ohne Streit

Verena Finkenberger ist Erbrechtsanwältin, Unternehmerin und Autorin des Bestsellers „Erbschaft ohne Streit“. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie, warum Familien nicht an Paragraphen scheitern, sondern an unausgesprochenen Erwartungen, alten Verletzungen und fehlender Klarheit. Ihre Mission: Menschen dabei zu helfen, Vermögen und Nachfolge so zu regeln, dass Familien verbunden bleiben.

Sie interessieren insbesondere Fragen zu folgenden Themen:

  • Warum Familien selten wegen Geld streiten, sondern wegen Erwartungen, Anerkennung und alten Verletzungen.
  • Welche Fehler Menschen bei Nachfolge und Vermögensweitergabe immer wieder machen.
  • Warum so viele Menschen das Thema Testament vor sich herschieben und wie man die Angst davor überwinden kann.
  • Wie Familien Konflikte schon zu Lebzeiten vermeiden können.
  • Welche Erfahrungen ich als Erbrechtsanwältin aus meiner Praxis mitbringe.

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Nina ist Unternehmerin, Nachfolgerin in 2. Generation und Geschäftsführerin bei d.vinci.

Seit 38 Jahren unterstützt d.vinci mittelständische Unternehmen dabei, die passendsten Talente für sich zu gewinnen – früher als Personalberater und Personalmarketing-Agentur. Mittlerweile sorgt die digitale Recruiting Plattform für smarte, wirtschaftliche Recruiting-Prozesse von Firmen, wie bspw. Ravensburger, BOMAG, Zentis, OBI und vielen weiteren. Und verschafft Unternehmen Zeit für die menschlichen Momente, die einen echten Unterschied machen.

Ninas ganz persönlicher Antrieb: Wir brauchen den deutschen Mittelstand – und wir brauchen Unternehmen, die Verantwortung übernehmen, klar führen und Menschen Raum zum Wachsen geben.

Als Nachfolgerin im Familienunternehmen das für sie viel mehr als nur ein Job: Es ist eine Haltung, denn sie ist überzeugt, dass wir Menschen und Technologie zusammendenken und das proaktiv gestalten müssen. Nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für uns als Gesellschaft!

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Was bleibt

Die Zahlen ändern sich langsam. Von den rund 3,87 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen wurden 2025 rund 16 Prozent von einer Frau geführt – ein kleiner Anstieg, nachdem der Wert 2024 mit 14,3 Prozent so niedrig lag wie nie seit 2003. Bewegung nach oben. Aber langsam.

Deshalb mache ich weiter. Jeder Juni bringt die Idee ein Stück weiter ans Licht. Jede sichtbare Nachfolgerin macht die nächste selbstverständlicher. Solidarität ist unser Wachstumsmotor – keine Floskel, sondern die Mechanik, wie diese Bewegung funktioniert.

Nachfolge ist weiblich. Nicht als Wunsch. Als Ansage.

Setz Dich ans Kopfende

Wenn Du eine Firma führst, übernehmen oder übergeben willst – oder wenn Du ahnst, dass Übernahme Dein Weg sein könnte: Der nächste Aktionsmonat kommt. Bis dahin findest Du die Aufzeichnungen und alles Weitere hier: liobaheinzler.de/unternehmensnachfolge-durch-frauen

Ich bin bereit für die Macht. Und ich freue mich auf die, die nachkommen.

Interessante Fakten

Das Paradox in einer Zeile: Frauen stellen über 40 Prozent der Übernahme- und Gründungsinteressierten, aber nur rund 21 Prozent der tatsächlichen Übergaben gehen an Frauen. Die Lücke sitzt nicht beim Interesse – sie sitzt im System. 

Ost schlägt West: Im Osten liegt der Frauenanteil unter den Übernahmeinteressierten mit 27 Prozent höher als im Westen mit 22 Prozent. Ein Aufhänger, den kaum jemand auf dem Schirm hat.

Die Frauenquote im Chefsessel ist zuletzt gefallen, nicht gestiegen – von einem Höchststand von 19,7 Prozent (2022) auf 14,3 Prozent (2024), bevor 2025 wieder leicht anzog. Der Fortschritt ist nicht linear.