Stell Dir vor, jemand interessiert sich ernsthaft für Dein Unternehmen. Er sitzt Dir gegenüber und stellt eine einzige Frage: Was genau würde ich hier übernehmen?
Nicht, was Du leistest. Sondern was da ist, wenn Du nicht mehr da bist.
Die meisten Unternehmerinnen, mit denen ich arbeite, haben sich diese Frage noch nie gestellt. Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern weil sie keinen Termin hat und sie sich dafür keine Zeit nimmt. Nichts brennt, keine Frist läuft ab. Und deshalb steht sie seit Jahren auf derselben Liste und bleibt darauf hängen.
Inhaltsverzeichnis:
- Die Zahl, die niemand gern liest
- Der Teil, der zählt
- Drei Wege, ein Fundament
- Die zwei Fragen, die über den Preis entscheiden
- Was Warten kostet
- Wo Du weitermachen kannst
Die Zahl, die niemand gern liest
Das Nachfolge-Monitoring der KfW enthält zwei Zahlen, die man nebeneinander lesen sollte.
Bis Ende 2029 wollen rund 545.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland eine Nachfolge regeln. Rund 569.000 planen keine Fortführung.
Es sollen also mehr Unternehmen geschlossen als übergeben werden.
Über die Gründe wird meistens als Nachfolgerlücke geschrieben: zu wenige Menschen, die übernehmen wollen. Das stimmt zum Teil. In derselben Studie steht aber noch etwas: Von denen, die eine Schließung planen, nennen 47 Prozent als einen Grund, dass die Geschäftssituation einen Verkauf verhindert (Mehrfachnennungen waren möglich).
Was das im Einzelfall heißt, beantwortet die Statistik nicht. Aus zwanzig Jahren Begleitung von Unternehmerinnen und Unternehmerfamilien kenne ich eine häufige Antwort: Das Unternehmen ist gesund, profitabel, hat treue Kundschaft – und funktioniert nur mit der Person, die es aufgebaut hat.
Was jemand übernehmen müsste, ist dann nicht ein Betrieb. Es ist ein Leben.
Der Teil, der zählt
Daraus folgt ein Satz, der unbequem ist und zugleich eine gute Nachricht enthält:
Der Wert Deines Unternehmens ist der Teil, der ohne Dich funktioniert. Alles andere ist Deine Arbeitskraft – und die kannst Du weder verkaufen noch vererben noch abgeben.
Die gute Nachricht: Dieser Teil lässt sich vergrößern. In jedem Jahr, in dem Du noch da bist.
Drei Wege, ein Fundament
„Ich will doch gar nicht verkaufen." Das höre ich oft, gerade von Frauen. Immer noch haben sie seltener eine Exit-Strategie. Schade, wenn alles, was Du aufgebaut hast, verschwindet.
Stell Dir einfach mal vor, Du hättest mit dem, was bei Dir vorhanden ist, starten können… Deshalb lohnt ein Blick auf die drei Wege, die es aus einem Unternehmen heraus gibt.
Verkauf an Dritte. Bewertet wird, was ohne Dich weiterläuft. Was in Deinem Kopf sitzt, zählt nicht mit – oder es wird durch eine lange Übergabezeit ersetzt, in der Du weiter gebraucht wirst.
Übergabe in der Familie. Hier wird kein Preis verhandelt, und deshalb hält sich der Irrtum, dass diese Fragen dort nicht gelten. Sie gelten anders. Eine Tochter, die ein Unternehmen übernimmt, das vollständig an ihrer Mutter hängt, übernimmt keinen Betrieb, sondern eine Rolle. Sie wird an einer Person gemessen, die dreißig Jahre Vorsprung hat.
Weiterführen mit einer Geschäftsführung. Du bleibst Eigentümerin, jemand anderes führt. Das funktioniert nur, wenn es etwas zu führen gibt, das nicht Du bist.
Drei verschiedene Wege. Ein identisches Fundament: ein Unternehmen, das ohne seine Inhaberin funktioniert. Und dieses Fundament ist dasselbe, das Dir heute Wochenenden, Urlaub und Deinen Kopf freigibt.
Die zwei Fragen, die über den Preis entscheiden
Wer ein Unternehmen übernehmen will, schaut zuerst auf die Zahlen. Jahresabschlüsse, Ertragslage, Auftragsbestand. Darauf bereiten sich die meisten vor.
Danach kommen zwei Fragen, die harmlos klingen. Im Ersetzbarkeits-Index, mit dem ich arbeite, sind das zwei der neun Zeilen.
Kommen Deine Kundinnen zur Firma – oder zu Dir?
Die häufigste Antwort liegt in der Mitte: Sie kennen die Firma, vertrauen tun sie Dir.
Ein kleiner Test:
Schreib Deine fünf wichtigsten Kundinnen untereinander. Hinter jede: Mit wem aus Deinem Unternehmen spricht sie, wenn es wichtig wird? Dann markiere jede Zeile, in der nur Dein Name steht.
Bei vielen sind es drei, vier oder fünf von fünf. Das ist kein Versagen, sondern ein Ergebnis: Du hast Dir einen Ruf erarbeitet, und er funktioniert. Nur ist ein Kundenstamm, der an einer Person hängt, kein Kundenstamm. Er ist ein Risiko mit Namen.
Der erste Schritt ist nicht, Dich zurückzuziehen. Er ist, eine zweite Person sichtbar zu machen – bei einer einzigen Kundin. „Das ist ab jetzt Deine Ansprechpartnerin für den Alltag. Ich bleibe für die großen Fragen da."
Wer außer Dir kann Deine Zahlen lesen?
Nicht erstellen – lesen. Also anschauen und sagen, ob es gut oder schlecht läuft.
Ein zweiter Test:
Schreib drei Kennzahlen auf, auf die Du jeden Monat schaust oder schauen solltest. Hinter jede einen Namen, der sie heute ohne Dich deuten könnte.
Wenn dort nur Dein Name steht oder der Deiner Steuerberaterin, liegt die Zeile in der Mitte. Zahlen, die nur Du deuten kannst, sind keine Kennzahlen. Sie sind Dein Bauchgefühl mit Kommastellen. Für eine Nachfolgerin heißt das: Die Erfahrung, aus der Du Preise machst und Entwicklungen liest, geht mit Dir.
Der erste Schritt: eine Person, mit der Du einmal im Monat drei Zahlen anschaust. Sie sagt zuerst, was sie sieht.
Was Warten kostet
Beide Fragen lassen sich nicht in den letzten zwei Jahren vor einer Übergabe beantworten. Eine Kundenbeziehung auf mehrere Schultern zu legen, dauert. Ein Team, das Zahlen deuten kann, auch.
Warten kostet keinen Cent. Es kostet Optionen. Mit fünfzig kannst Du eine zweite Reihe von Verantwortlichen aufbauen und in Ruhe schauen, wer wirklich mitträgt. Mit sechzig verhandelst Du beim Verkauf oft über den Preis für Deine eigene Arbeitskraft. Mit fünfundsechzig bleibt oft nur, in Ruhe zu schließen – eine würdige Entscheidung, wenn sie gewählt ist und nicht übrig bleibt.
Das Schöne an dieser Rechnung: Sie funktioniert in beide Richtungen. Jedes Jahr, in dem Du eine Kundenbeziehung öffnest oder eine Kennzahl teilst, wächst der Teil Deines Unternehmens, der zählt. Und mit ihm der Teil, der Dir heute Luft verschafft.
Du musst nicht verkaufen. Aber Du solltest es können.
Wo Du weitermachen kannst
Wenn Du für Dein eigenes Unternehmen herausfinden willst, welcher Teil ohne Dich funktioniert, arbeiten wir genau daran im Workshop »Ans Kopfende«: 60 Minuten, live, kleiner Kreis, kostenfrei.
Nach der Anmeldung bekommst Du das Eigentümerinnen-Dossier mit dem Ersetzbarkeits-Index.
Wenn bei Dir eine Übergabe schon konkret ansteht: → Unternehmensnachfolge mit System
Häufige Fragen
Wie viel ist mein Unternehmen wert, wenn alles an mir als Inhaberin hängt?
Ein Unternehmen, das nur mit seiner Inhaberin funktioniert, ist für eine Käuferin oder Nachfolgerin deutlich weniger wert als eines mit gleichem Umsatz, das ohne sie läuft. Bewertet wird der Teil, der nach der Übergabe weiterträgt. Was nur an Deiner Person hängt, wird abgezogen oder durch eine lange Übergabezeit ersetzt.
Wie finde ich heraus, ob mein Unternehmen ohne mich funktioniert?
Stell Dir vor, Du bist drei Wochen nicht erreichbar, und schreib für jede Woche auf, was passiert. Genauer wird es mit dem Ersetzbarkeits-Index: neun Bereiche, jeweils eingeordnet in „an mir“, „über mich“ oder „ohne mich“. Ein Bereich zählt nur dann als „ohne mich“, wenn Du einen Namen dazuschreiben kannst.
Wann sollte ich anfangen, mein Unternehmen auf eine Übergabe vorzubereiten?
Am besten mehrere Jahre vor jeder konkreten Übergabe – und unabhängig davon, ob Du überhaupt verkaufen willst. Kundenbeziehungen zu verteilen und ein Team aufzubauen, das Zahlen deuten und entscheiden kann, braucht Zeit. Wer früh beginnt, kann noch zwischen Verkauf, Familie und Geschäftsführung wählen.
Wie viele Unternehmen in Deutschland suchen eine Nachfolge?
Laut KfW-Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025 wollen rund 545.000 mittelständische Unternehmen bis Ende 2029 eine Nachfolge regeln, rund 569.000 planen keine Fortführung. Es sollen also mehr Unternehmen geschlossen als übergeben werden.
Quelle der Zahlen: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, „Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025", 9. Januar 2026.
Wer hier schreibt
Lioba Heinzler — Architektin für unternehmerische Entwicklung. Seit über 20 Jahren begleite ich Unternehmerinnen dabei, ein Unternehmen zu bauen, das ihnen gehört, statt sie zu besitzen.
→ Mehr über mich: liobaheinzler.de/ueber-mich/
Das Eigentümerinnen-Dossier · kostenfrei
Besitzt Du Dein Unternehmen - oder besitzt es Dich?
Sechs Teile darüber, warum ein gut laufendes Business trotzdem kein Vermögenswert ist. Und warum Ersetzbarkeit Deine Superkraft ist. Sofort im Postfach, danach ein Gedanke pro Tag. Fünf Minuten Lesen, das Tempo bestimmst Du.






